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Text 1 - Selbst- und Fremdwahrnehmung

Wie zutreffend ein Mensch von anderen wahrgenommen wird, lässt sich daran ablesen, wie eng die Beschreibung, die er von sich selbst gibt, mit der Beschreibung zusammenhängt, die ihm nahestehende Personen über ihn abgeben. Der Grad dieser Korrespondenz wird gewöhnlich als Korrelation zwischen Selbst- und Fremdurteil über dieselbe Eigenschaft ausgedrückt. Eine hohe Übereinstimmung gilt dabei als Hinweis darauf, dass mit dem Urteil etwas an der Person selbst erfasst wird und nicht bloß deren eigene Sicht auf sich. Untersuchungen, die solche Korrelationen über zahlreiche Eigenschaften und Personengruppen hinweg bestimmt haben, gelangen nicht zu einem einheitlichen Wert, sondern zu einer breiten Spanne. In der Regel sind die Zusammenhänge mäßig bis substanziell, selten jedoch vollständig. Schon dies deutet darauf hin, dass Selbst- und Fremdsicht systematisch auseinandertreten können, und zwar in Abhängigkeit von einigen wenigen Randbedingungen.

Vergleicht man unterschiedlich vertraute Beurteilerinnen und Beurteiler, so zeigt sich der Einfluss der ersten dieser Bedingungen mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit. Bei Ehepaaren fallen die Korrelationen zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung hoch aus. In vergleichbarer Größenordnung liegen sie jedoch auch bei langjährigen Freunden und Bekannten, während frisch entstandene Partnerschaften oder erst kurze Bekanntschaften merklich niedrigere Werte erreichen. Maßgeblich ist demnach weniger die Art der Beziehung als die Zeitspanne, über die sich die Beteiligten kennen. Dass dahinter nicht vorrangig Zuneigung oder die freie Wahl des Gegenübers steht, belegen Erhebungen an Personen, die einander nicht selbst ausgesucht haben. Auch unter zufällig zusammengestellten Mitbewohnern oder unter Personen, die lediglich beruflich miteinander zu tun haben, rücken Selbst- und Fremdurteil enger zusammen, je länger der Kontakt andauert. Verfolgt man dieselben Paare über die Zeit, so wächst die Übereinstimmung mit der Zahl der gemeinsam verbrachten Wochen und Monate an. Selbst bei langer Vertrautheit bleibt sie allerdings unvollkommen, was darauf verweist, dass auch nahe Beobachter stets nur einen Teil dessen erfassen, was eine Person über sich selbst weiß.

Die Qualität der Beziehung, also die erlebte Nähe, die wechselseitige Sympathie oder die Häufigkeit freiwilliger Kontakte, erweist sich vor diesem Hintergrund als der nachrangige Faktor. Eine als eng und positiv erlebte Beziehung geht zwar tendenziell mit etwas höheren Übereinstimmungen einher, doch schmilzt dieser Vorsprung weitgehend dahin, sobald die Dauer der Bekanntschaft statistisch berücksichtigt wird. Eine wohlwollende, aber junge Beziehung führt regelmäßig zu geringerer Übereinstimmung als eine distanzierte, dafür langjährige. Auch eine von Spannungen geprägte Beziehung steht einer hohen Übereinstimmung nicht im Wege, solange die Beteiligten einander hinreichend lange kennen.

Eine zweite Quelle der Variation liegt im beurteilten Merkmal selbst. Über Eigenschaften, die sich in häufigem und unmittelbar sichtbarem Verhalten äußern, urteilen Außenstehende erkennbar treffsicherer als über solche, die sich überwiegend im inneren Erleben abspielen und nur selten nach außen dringen. So wird etwa die nach außen gerichtete Geselligkeit einer Person von anderen ähnlich eingeschätzt wie von ihr selbst, während sich Eigenschaften des inneren Erlebens, etwa eine Neigung zu Sorge oder Anspannung, in deutlich auseinandergehenden Urteilen niederschlagen. Für gut beobachtbare Merkmale werden hohe Übereinstimmungen daher bereits bei geringer Vertrautheit erzielt, während schwer zugängliche Merkmale eine längere gemeinsame Erfahrung voraussetzen, ehe sich Selbst- und Fremdurteil angleichen.

Eine dritte und in den Befunden besonders stabile Bedingung betrifft den Bewertungsgehalt der Eigenschaft. Je stärker ein Merkmal als erwünscht oder unerwünscht gilt, desto geringer fällt die Übereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdurteil aus. Diese Minderung tritt zudem ungleich auf. Sie betrifft das Verhältnis von Selbst- und Fremdurteil stärker als die Übereinstimmung mehrerer Außenstehender untereinander, die auch bei stark bewerteten Eigenschaften vergleichsweise einig bleiben. Auffällig ist, dass die

Selbsteinschätzung in solchen Fällen häufiger vom Mittel der Fremdurteile abweicht, als es die Fremdurteile untereinander tun.

Erklärung der Variablen: xix_{i}= einzelnes beobachtbares Merkmal (z.B. Verhalten, Mimik, Ausdrucksweise), rv1r_{v1}= Validität: Stärke des Zusammenhangs zwischen Merkmal xi x_{i}\ und Selbstwahrnehmung, rb1r_{b1}= Beobachtbarkeit: Stärke des Zusammenhangs zwischen Merkmal xix_{i} und Fremdwahrnehmung, rar_{a}= Übereinstimmung: Korrelation zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung (Maß für Akkuratheit der Selbsteinschätzung)

Psychologieverständnis deutsch

Zwei Frauen kennen sich seit dem Kindergarten und waren bereits damals eng befreundet; aktuell haben sie nach einem Streit nur wenig Kontakt. Was lässt sich nach dem Text am ehesten über die Übereinstimmung ihrer Urteile übereinander ableiten?